Archive for the 'Bildung' Category

20
Jul
12

Mobbing

Wer es nie erlebt hat, will davon nichts wissen. Wer damit schon mal Bekanntschaft machen mußte, interessiert sich aus persönlichen Gründen dafür, sonst eher ungern. Üblicherweise will niemand etwas damit zu tun haben – aus verständlichen Gründen.

Ich bin jetzt 54 Jahre lang auf der Welt. Noch nie habe ich so viel über Mobbing gehört, gelesen und selbst erfahren wie in den letzten zehn Jahren. Was stimmt an unserem Zusammenleben nicht, daß Mobbing so oft auftritt?

Kein Mensch möchte Mobbing erleben, aber immer mehr Menschen betreiben es, und immer mehr Menschen erleben es. Als hätten wir sonst keine Probleme auf der Welt.

Da kommt eine wie ich aus Berlin, wird gerufen, weil sie kompetent ist. Kommt also. Zieht extra um und verläßt diesen Traum von Stadt – Berlin. Sucht eine Wohnung wochenlang und hat ein möbliertes Apartment bezogen. Quält sich. Ist längst im Job angetreten und muß immer wieder weg vom neuen Arbeitsplatz – Wohnungen anschauen. Suchen eben. Kriegt ziemlich bald mit, daß getuschelt wird – was weiß sie nicht. Kann’s nicht ändern: Wohnungssuche geht vor. Da braut sich was zusammen, aber unter dem Druck der Neuanpassung und der Wohnungssuche gibt es keine Gegenwehr …

So wie mir geht es Tausenden von Menschen. Das sind Erfahrungen, die nicht sein müssen.

Mobbing ist (z. B.) „schlechte Erziehung“ o. ä. – Das glaubt einem ja keiner, selbst wenn es stimmt. Und es stimmt oft!
Warum muß ich als jemand, der eine neue Arbeitsstelle antritt, plötzlich mit Leuten umgehen, die mich mobben? Ich will nur arbeiten und meinen Job machen. Und plötzlich bekomme ich zu tun mit Leuten, die weltgewandt tun, aber offenbar so was wie eine Schulung im Umgang mit Menschen machen müssen, was ja heißt, daß sie sonst nicht mit Menschen umgehen können.
Ich werde berufstätig und muß mich plötzlich auf Leute einstellen, die nicht wissen, wie man mit Menschen umgeht?! Das ist unerwartet und ziemlich krass.

Es stinkt mir gewaltig, daß ganz normale Lebensbereiche plötzlich pathologisiert werden, bloß weil es Leute gibt, die sich nicht zu benehmen wissen. Heißt: Auf einmal sind alle so was wie Patienten. Wo bin ich denn hier gelandet?! Früher hat die Schule dafür gesorgt, daß sich Menschen unter Menschen zu benehmen wußten. Gibt es eine solche Erziehung nicht mehr?

Ich fange an, Verachtung zu entwickeln …

11
Jul
12

Endlich auf DVD: „Gefährliche Seilschaften“ – „Borgen“

Seit Ende Juni gibt es die erste Staffel (zehn Episoden) der erfolgreichen dänischen Polit-Serie „Borgen – Gefährliche Seilschaften“ auf DVD zu kaufen. Die Serie lief im Februar erfolgreich auf arte. Diese Perle hätte es verdient, zur besten Sendezeit bei den beiden öffentlich-rechtlichen Sendern ARD und ZDF zu laufen.
Vom ZDF unter der Führung von Thomas Bellut sind solche und ähnliche Einkäufe aus dem Ausland wohl nicht zu erwarten. Immerhin hat Bellut dafür gesorgt, daß das „Philosophische Quartett“ (mit Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski) und das von Volker Panzer moderierte „nachtstudio“ abgesetzt wurden. Den TV-Zuschauern sei deshalb arte als TV-Kultur-Sender und als maßgeblicher TV-Sender für die weiteren Staffeln der dänischen Polit-Serie „Borgen – Gefährliche Seilschaften“ ans Herz gelegt.

Die Geschichte der Serie „Borgen – Gefährliche Seilschaften“ erzählt den politischen Aufstieg von Birgitte Nyborg (Sidse Babett Knudsen) für die Partei der Moderaten, gepaart mit Schilderungen aus der Karriere einer aufstrebenden Journalistin bei TV1 und der Tätigkeit von Medienberatern, sog. spin doctors. Spätestens mit der Wirtschaftsministerin, um die es zum Thema Frauenquote geht, zieht schlechtes Klima in die Ehe der Ministerpräsidentin ein. Im Verhandlungspoker um die Frauenquote mit dem mächtigsten Wirtschaftsmagnaten Dänemarks erzielt Nyborg einen wichtigen Sieg …

Nach meinem Eindruck macht diese Polit-Serie mehr transparent als Studien politischer Nachrichten und Magazine einschließlich Medienkritik zusammen. Allerdings erzählt sie auch vom Scheitern bzw. der Angst davor, dem Unterschied von Männern und Frauen und warum politische Kämpfe zwischen ihnen an die Grenzen des Erträglichen gehen können, den Gefahren von Verstrickungen mit den Mächtigen usw., vor allem aber vom Kampf um Emanzipation und politische Geltung in Abstimmung mit den Interessen der eigenen Familie.

Medien wie die Süddeutsche Zeitung, das Hamburger Abendblatt und Spiegel online sind einhellig in der Meinung, daß diese dänische Polit-Serie richtig gutes Fernsehen ist (siehe Rückentext DVD-Kassette).
Am 18.02.2012 hatte ich bereits einmal über diese Serie geschrieben.

22
Jun
12

Verbrecher, die ein oder mehr Menschenleben zerstören

Menschen begehen Verbrechen – wissentlich oder unwissentlich. Neben den großen Verbrechen in der Weltgeschichte gibt es Verbrechen, von denen nur wenige Menschen wissen, obgleich es Verbrechen sind. Sie geschehen gewissermaßen am Rand der Geschichte, sind aber nicht weniger tragisch.

Im Dossier der ZEIT vergangener Woche war zu lesen, daß ein US-Mediziner namens Carter mindestens 1300 Menschen aus Guatemala zwecks wissenschaftlicher Studien mit Syphilis infizieren ließ, um an ihnen Forschungen für ein Gegenmittel zur Syphilis betreiben zu können. In der ZEIT-Reportage ist zu lesen, welches Grauen er in die Welt gesetzt hat – für Nachfahren und Nachfahren der Nachfahren …

Mehr ist in der „kulturzeit“, dem 3sat-Programm von ZDF, ORF, SF und ARD, am 22.06.2012 u. a. vom Mißbrauch in österreichischen Kinderheimen im „Freiwild für Erzieher“ zu erfahren.

M. E. muß endlich eine sichere juristische Zone geschaffen werden, die vor Mißbräuchen wie die vorgenannten schützt. Dabei müssen sich die Geister, die den Gesetzestext formulieren müssen, so ziemlich alle Abscheulichkeiten vorstellen, um das Gesetz entsprechend weit zu formulieren.

Zu beurteilen, wie weit Menschen in kirchlichen Ämtern fehlen dürfen, ist Aufgabe kirchlicher Vertreter. So können wir es uns leicht machen, nicht wahr?
Nein, wir wissen, wie träge die Arbeit kirchlicher Stellen auch und gerade in dieser Frage ist. Sie verhalten sich so träge wie Regierungsbehörden. Es braucht Druck von außen. Und man kann sich erfahrungsgemäß auf die kirchlichen Vertreter nicht wirklich verlassen.

Bekanntermaßen wird der Bote für seine Botschaft bestraft – dieser Sinnspruch ist so dumm wie ehedem, aber immer noch so wie tradiert und hält sich hartnäckig. Außer Druck von außen bzw. investigativen Journalisten erführe niemand, was z. B. hinter Klostermauern vor sich geht.

Wie bloß wird man der Blödheit, Stumpfheit und Ignoranz Herr? In Zeiten des Internet ist es eher schwierig, vermute ich, weil man nicht bei jedem Menschen voraussetzen kann, was allgemeingültig ist.

26
Mai
12

Kill your Darlings! oder Die Welt ist nicht mehr, wie wir sie kennen

Zum diesjährigen Berliner Theatertreffen wurde „Kill your darlings! Streets of Berladelphia“ als eines der drei „starken Stücke“ auf 3sat in einer Inszenierung von René Pollesch an der Berliner Volksbühne aufgeführt. Die beeindruckende Performance gab es heute auf 3sat als Erstaufführung zu sehen.

Mit „Streets of Philadelphia“ vom Rocksänger Bruce Springsteen nimmt die Aufführung schon zu Beginn für sich ein. Erst recht mit der akrobatischen Tanz- und Sprechleistung von Fabian Hinrichs. Hinrichs fokussiert in einer Ein-Mann-Show all das längst Bekannte, längst Gesehene in den gängigen Mythen der Erzählung und des Theaters. Er zählt gewissermaßen auf, was sich die Menschen in der Welt alles schon erzählt haben, um das Leben – Essen, Trinken, Schlafen –, das menschliche Miteinander, die Umwelt … – all das zu begreifen.
Wir mögen in Netzwerken sein, also mit vielen Menschen vernetzt sein, also etwas gelten und etwas sein. Aber wir sind es nicht, wir denken nur so groß von uns. Wir haben uns längst verloren. Wir sind nicht mehr bei uns selbst, wir geben uns keinen Kredit mehr – wir sind nur noch hoffnungslose Einzelwesen.
„Die Zeit müßte man anhalten. Aber: Man hält nur – Wagen an.“
Bertolt Brechts Fragment „Fatzer“ (entstanden Ende der 1920er-Jahre, auch „Untergang des Egoisten Johann Fatzer“, uraufgeführt 1978 in Hamburg) fand Eingang in die Inszenierung.

Die „Liiiieebe“ und alles, was uns Menschen zu Menschen macht, geht vor die Hunde und verdirbt dank des Kapitalismus, dank der Verwertung des Werts, dank des Glaubens, alles ließe sich zu Geld machen … Dank der After-hour-Party, dank des Pizza-Essen-Gehens usw. Niemand kennt mehr das Wort und weiß um seine Bedeutung (szenisch wunderbar umgesetzt). „Die Augen sind nicht zum Sehen gemacht, sondern zum Weinen – und zwar ausschließlich. – Was der Welt fehlt, ist Größe!“
Deshalb auch der Aufruf zum Schluß: Macht es für euch! Tja, wenn man nur wüßte was.
… aber sonst geht’s euch noch gut, oder?!

Chor: Eduard Anselm, Johanna Berger, Christin Fust, Hannes Hirsch, Emma Laule, Ronny Lorenz, Martina Marti,
Fynn Neb, Rudolph Perry, Simone Riccio, Nicola Rietmann, Paula Schöne, Anna Smith, Lukas Vernaldi und Claudia Vila Peremiquel
Bühnenbild: Bert Neumann
Kostüme: Bert Neumann
Inszenierung: René Pollesch
Fernsehregie: Hannes Rossacher

12
Mai
12

„Auserzählt“. Zum letzten Mal: „Das philosophische Quartett“ (ZDF)

„Dass der neue Intendant Thomas Bellut sich in einer seiner ersten Amtshandlungen das Quartett vornehmen würde, war uns allerdings von vornherein klar.“ Das sagt Peter Sloterdijk zum Ende des „Philosophischen Quartetts“ im Interview mit der „Zeit“.
Unter dem Titel „Die Kunst des Aufhörens“ wird am kommenden Sonntag, 13. Mai 2012, die letzte Sendung der Gesprächsreihe im ZDF ausgestrahlt. Peter Sloterdijk hat den Schriftsteller Martin Walser (85) und den Verleger und Schriftsteller Michael Krüger (69) zu Gast; Rüdiger Safranski ist erkrankt.

Krüger möchte mit Siebzig als Verleger aufhören, um noch Zeit für ein Buch zu haben. Der hin und wieder streitbare Martin Walser – erinnern wir uns bspw. an Walsers Rede in der Frankfurter Paulskirche oder an die Kontroverse um sein Buch „Tod eines Kritikers“ – denkt nicht ans Aufhören und wurde anläßlich seines 85. Geburtstags unlängst in einem „Walser-Quartett“ (mit Denis Scheck, Martin Lüdke, Felicitas von Lovenberg und Thea Dorn) im Südwestrundfunk (SWR) gewürdigt. Viel Erhellendes zu Martin Walser im Gespräch mit Peter Voß.
Zur „Kunst des Aufhörens“ gehört auch der Moment und die Art des Abgangs. Gewiß werden Sloterdijk und Safranski sich auch zu ihrem Eindruck über die Form der Kündigung äußern. Beide erfuhren es am Vorabend der vorletzten Sendung (25.03.2012: „Europa ohne Euro“ mit Juli Zeh und Joschka Fischer) , offenbar ohne daß es seitens der ZDF-Programmdirektion den Gedanken an eine gemeinsame Erörterung über mögliche Zukunftsperspektiven der Sendung o. ä. gab. Dies „stillos“ (Safranski) zu nennen versteht sich von selbst; wir sind ja nicht bei Aldi. TV-Konsumenten wie ich fragen, was dies für eine merkwürdige Umgangsform eines öffentlich-rechtlichen Senders ist, nachdem „Das philosophische Quartett“ zehn Jahre lang Bestandteil des ZDF-Programms war. Die Pressemitteilung des ZDF muß ein Banause formuliert haben, als er schrieb, die Sendung sei „auserzählt“ (Sloterdijk: „Eine herrliche Euthanasieformel!“). In seiner Jagd nach dem jüngeren Fernsehpublikum im Kampf gegen die privaten Fernsehkanäle plant das ZDF ein neues philosophisches Diskussionsforum mit Richard David Precht. Nichts gegen Precht, aber: „Precht ist vom Handwerk her Journalist und als solcher Popularisator von Beruf. Ob er wirklich, wie das ZDF annimmt, zu einer Verjüngung des Publikums beitragen wird, bezweifle ich allerdings. Seine Klientel gleicht eher der von André Rieu, den hören auch vor allem Damen über fünfzig in spätidealistischer Stimmung.“ So Peter Sloterdijk im „Zeit“-Interview.

So lang ist es noch nicht her, daß die beiden großen öffentlich-rechtlichen Sender ihre Programm-Umstrukturierung zusammen mit den tagtäglichen Talk-Formaten verteidigten – jetzt reden sie schon über den Abbau der weniger erfolgreichen. – Wer also ist auserzählt?!
Ich schlage vor: eine Sendung à la „Das philosophische Quartett“ und eine zweite mit Richard David Precht – und keine der Sendungen nach 23 Uhr, beide im Wechsel, also jeweils alle acht Wochen. Da wären dem ZDF Stammzuschauer sicher.

05
Mai
12

Lebensfeindliche Umstände oder Du mußt dein Leben ändern*

In diesen Zeiten lernen wir tagtäglich, daß es immer noch schlimmer kommen kann, daß nichts gewiß ist, daß unser Dasein letztlich ein höchst unsicheres ist. Zu diesem großen Thema hier ein Aspekt – nur einer, dafür aber ein schwerwiegender:
Zahlreiche Firmen im europäischen Westen ließen Güter in DDR-Gefängnissen produzieren und – wußten es sehr wahrscheinlich, aber stellten sich dumm bzw. interessierten sich nicht dafür, weil die Außenhandelsbeziehungen über Adressen mit Blanko-Schecks liefen. Über diese Praxis gibt u. a. diese Hörfunksendung im Deutschlandradio – Radiofeuilleton – Thema Auskunft: Steffen Alisch spricht mit Frank Meyer.

Ich habe von dieser Praxis in dieser Radiosendung zum ersten Mal gehört und bin sehr erschüttert vom Ausmaß der Folgen, die das alles hatte  – geschweige von den Umweltvergiftungen, die sich Gefangene zugezogen haben, und allen anderen Nachteilen. Welche Perfidien haben sich die Staaten im Ostblock noch ausgedacht?! Was haben wir in Zukunft noch zu gewärtigen?!

Zum Thema paßt die Sendung des Hessischen Rundfunks „hr2 Kultur – Der Tag“ vom 3. Mai 2012: Beim Thema „Die Nieten sind unter uns. Volkskrankheit Inkompetenz“ zeigen sich nicht nur unsere eigenen Mängel, sondern systemrelevante Fehler und solche, die professionell gemacht werden und für maßgebliche Prozesse in Wirtschaft und Politik verantwortlich zu machen sind. Aber in diesem Thema steckt mehr. Zum Beispiel die Frage nach der Kompetenz in der Erziehung heute und früher. Zur Frage „Brauchen wir einen Eltern-Führerschein?“ meldet sich der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Winterhoff eindrücklich zu Wort. Es geht um soziale Kompetenz und es geht um ihren möglichen Verlust – was für die Rolle in der Gesellschaft fatal wäre.
Wir haben festzustellen: Die gegenwärtigen Zeiten sind andere als jene, in denen wir aufwuchsen. Sich dies klarzumachen ist von immenser Bedeutung: Denn wir können nicht mehr auf Erfahrenes und Gelerntes vertrauen, wenn wir mit den massiven Geschwindigkeiten heutiger Prozesse in Wirtschaft und Kultur konfrontiert werden. Die Werte und Maßstäbe, die wir anlegen, stimmen nicht mehr, geschweige denn die Perspektiven. Wir müssen uns völlig neu orientieren. Sind wir darauf vorbereitet?
In Anbetracht des folgenden Videos

und im Allgemeinen denke ich: eher nicht.

*) Titel eines Buches von Peter Sloterdijk

16
Apr
12

Heuchelei der Nachrichtensendungen i.S. Anders Behring Breivik

Der Massenmörder von Norwegen, der verantwortlich ist für 77 Tote in Oslo und auf Utøya, bekommt derzeit seinen Prozeß. Hier in Deutschland beklagen die Menschen, daß er zu viel Aufmerksamkeit bekommt. Aber z. B. die ZDF-Nachrichtensendung „heute“ meldet den Prozeßauftakt als Nachrichtenaufmacher.
Die Illustrierte „stern“ läßt den Vater zum Interview zu …
Die „Zeit“ mischt natürlich auch mit …
Solchen Medienrummel nennt man Heuchelei.
Und einmal mehr wird die glücklicherweise nicht vom Attentat betroffene und schon mehrfach in den Medien (zuletzt im ZDF-Mittagsmagazin) zitierte Stine Brandvik herbeigeholt – sie war sogar schon bei „Markus Lanz“ …
Schafft die Zeugin raus aus dem ganzen Schlamassel, schirmt sie ab!
Keine Silbe soll sie mehr sagen! Hat sie denn keine Eltern, die ihr zuraten?! Es sei denn, sie will mit der Story Geld verdienen …
Wißt Ihr was? Ihr alle wart froh, daß das passiert ist, und Ihr seid scharf drauf, daß Ihr als Quellen online seid. Noch nicht mal Stine kann ich von meinem Urteil ausnehmen.
Was ich von Euch halte, könnt Ihr Euch denken.

12
Apr
12

Dantes Hölle – Stalins Gewaltherrschaft. Das neue Buch von Jörg Baberowski

Der Berliner Historiker Jörg Baberowski sollte sein Buch „Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus“ aus dem Jahre 2003 für eine Übertragung ins Englische überarbeiten und – konnte seine damals getroffenen Feststellungen nicht mehr halten. Er schrieb ein neues Buch: „Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt“, erschienen in diesen Wochen bei C. H. Beck. Dem Vorwort, in dem Baberowski die Entstehung des Buches erklärt, ist ein Satz aus Martin Amis‘ „Koba der Schreckliche“ („Koba the Dread: Laughter and the Twenty Million“) vorangestellt: „Und wir sollten auch nicht das Naheliegende übersehen – daß Stalin es getan hat, weil es ihm gefallen hat.“

Während einer unfreiwillig langen Zugfahrt am Ostermontag konnte ich mit diesem mehr als 600 Seiten starken Werk (inkl. Nachweise, Literaturverzeichnis und Register) intensiven Einblick nehmen in eine Zeit und in Orte, in denen zu leben mir Nachgeborenen versagt geblieben ist – worum ich freilich froh sein kann: Gesetzloses und gottverlassenes Land in den 30er und 40er Jahren in den Sowjetrepubliken in Zeiten von Hunger, Armut und bitterster Not.  Und in einer Zeit, die wir Hiesigen uns nicht wünschen, selbst wenn wir nichts von ihr wissen. Ehe er dieses Buch schrieb, wird der Historiker Jörg Baberowski – kundig in der Materie über Jahrzehnte – längst gewußt haben, was er mit diesem Buch anrichtet. Die bitteren Wahrheiten, die Baberowski mit Quellen belegt, sind erschütternd: Wir wollen nicht glauben, daß es Menschen waren, die Menschenfleisch zum Kauf angeboten haben. Wir wollen nicht glauben, daß es Menschen waren, die Kinder an die Wand genagelt haben – und doch ist es geschehen. Wir erfahren einmal mehr von den Massenvergewaltigungen und bekommen sie erklärt. Für mich bleibt dennoch ein Rest des Unverständnisses – auch im Hinblick auf den Krieg in Jugoslawien, in dem es ebenfalls Massenvergewaltigungen gab: Offenbar ist die zivilisierte Handlungsweise nur eine hauchdünne Wand entfernt von der Brutalität und Gewalt, wie sie sich nicht einmal Tiere antun. Oder?!

Die verbürgten und belegten Schilderungen von Brutalität und Gewalt der rigiden Durchsetzungspolitik der Bolschewisten bzw. der kommunistischen Partei in Rußland, später der UdSSR und allen eroberten bzw. annektierten Ländern, zeigt die Vehemenz und den unbedingten Siegeswillen einer Partei, die schon früh nicht mehr die Massen hinter sich hatte. Genau das ist das Entscheidende: der Rückhalt in der Bevölkerung fehlte völlig.

Jörg Baberowskis Buch „Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt“, C. H. Beck Verlag, empfehle ich besonders ausdrücklich.

22
Mär
12

Deutscher Kleinkunstpreis 2012

Nachdem die Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises 2012 im Mainzer unterhaus bereits in 3sat ausgestrahlt worden war, konnte man sie gestern endlich auch im Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) sehen, allerdings zu sehr später Stunde, nämlich um 1:10 Uhr – also eigentlich heute früh. Für eine wie üblich begrenzte Zeit kann man die Sendung in der ZDF-Mediathek sehen. Ab 46. Minute ist Martin O. zu sehen, Georg Schramm inkl. Vorstellung ab 59. Minute.
Wegen längerer Haltbarkeit habe ich die Aufzeichnung von youtube eingestellt.

Wer sich generell für das kabarettistische Treiben und vor allem für sämtliche Preise in den deutschsprachigen Ländern interessiert, findet hier alles Wissenswerte.

Der Kleinkunstpreis wurde zum ersten Mal am 26.02.1972 verliehen. Damaliger Preisträger der einzigen Sparte Kabarett war Hanns-Dieter Hüsch. Im Jahr 1982 wurde Hüsch ein weiteres Mal mit dem Kabarett-Ehrenpreis ausgezeichnet. Vom Jahr 1976 an gab es vier Sparten: Kabarett, Kleinkunst, Chanson, Musik und Lied sowie den Förderpreis der Stadt Mainz. Seit dem Jahr 2007 wird zusätzlich der Ehrenpreis des Landes Rheinland-Pfalz für das Lebenswerk verliehen, den zuerst Dieter Hildebrandt erhielt. Derzeit ist der Preis in jeder Kategorie mit 5000 Euro dotiert.

Durch den Abend im unterhaus-Gewölbe führte einer der alten Hasen im Kabarett, Volker Pispers. Gewinner im Genre Kabarett war der scharfzüngige Max Uthoff. Marc-Uwe Kling, bekannt wegen seines alter ego, dem Känguruh, errang den 1. Platz für die Kleinkunst. Neu und überraschend für mich war der Preisträger in der Sparte „Chanson, Musik, Lied“, Martin O., der Mann, „der mit der Stimme tanzt“ und dessen lautmalerische Artistik mir großen Spaß machte. Den Förderpreis der Stadt Mainz erhielt Christine Prayon, die zwei kleine Stücke ihres Spiels mit menschlicher Identität zum besten gab. Den Ehrenpreis des Landes Rheinland-Pfalz erhielt Georg Schramm, einer der herausragenden Kabarettisten in unserem Land.

17
Mär
12

Friedrich Schiller – aktueller denn je

In heutigen Tagen macht man sich hierzulande keinen Begriff davon, als Schreiberling so verfolgt zu sein wie Friedrich Schiller damals. Sofern man sich geistig überhaupt darauf einläßt, kennt man dies bei uns nur aus nichtdemokratischen Ländern, deren es freilich viele gibt.
Schreiben für die Freiheit, Befürworter der revolutionären Freiheitskämpfe, Behinderungen bei der Arbeit, Berufsverbot – all dies sind Stationen des Lebens von Friedrich Schiller im ausgehenden 18. Jahrhundert, der bis heute als Konkurrent zu Johann Wolfgang von Goethe gesehen wird (obwohl es in den frühen Jahren August Wilhelm Iffland war), wohl weil er sich nicht gemein machen wollte mit den Herrschenden. Mit seinem Stück „Die Räuber“, das im Jahre 1781 in Stuttgart Ruhm wie Kritik erlangt, wird Schiller bekannt.

In der dramatischen Verfilmung „Schiller“, Schiller dargestellt von Matthias Schweighöfer, der Film gesendet auf 3sat am 17. März 2012, 20:15 Uhr, werden die jungen Jahre Schillers erzählt, die üblen und beschwerlichen Stationen dargestellt.

Schillers Stück „Kabale und Liebe“ war meine allererste Begegnung mit Friedrich Schiller zu Schulzeiten. Da ist die TV-Inszenierung mit Willi Kowalj unvergessen. Ob es die noch irgendwo zu sehen gibt? Man konnte Willi Kowalj auch sehen in der ZDF-Produktion „Die Dämonen“ von Fjodor Dostojewskij und später in diversen Krimi-Rollen bei den Öffentlich-Rechtlichen. – Angesichts des tödlichen Ausgangs zweier Liebender aus Herrschaftshäusern war ich als sehr junge Frau empört über den Ausgang von „Kabale und Liebe“ – ungestüm, wie der junge Geist eben gerecht ist!
Friedrich Schiller erreichte mich im Verlaufe meines Studiums (i.S.v. von „rührte mich an“) in Zeiten größerer Reflektion über seine Briefe zu Zeiten der Französischen Revolution. Eine der Szenen im Fim zeigt, wie angestoßen wird auf die Wahrheit und die Schönheit; daraus bilden sich die Forderungen Schillers in seinen Briefen zur „ästhetischen Erziehung“. Sie laden zu Neuentdeckungen im Gebiet der Freiheit ein.

Man sieht an diesem Beispiel zweierlei:
1. was die Dichter den Deutschen wert sind;
2. welchen Preis die Dichter wirklich bezahlten und noch bezahlen.




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